Gibt es für Frauenberufe weniger Gehalt?

 
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Die andere Seite des Gender Pay Gaps

Häufig wird vom Gender Pay Gap gesprochen. Dabei geht es darum, dass Frauen 21% weniger verdienen als Männer. Gründe dafür sind, dass Frauen aufgrund von Unterbrechungen im Beruf weniger Erfahrung haben (z.B. Mutterschaftsurlaub oder Teilzeitarbeit) aber auch die Berufswahl, d.h. Frauen wählen häufig Berufe mit einem geringeren durchschnittlichen Lohn.  An dieser Stelle wird es dann schwierig:

Wählen Frauen Berufe die geringer bezahlt werden oder sind Frauenberufe systematisch schlechter bezahlt?

Eine Frage, der wir in diesem Artikel auf den Grund gehen.

Comparable Worth Index

In einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (Link), hat man verglichen wie Qualifizierungen und Anforderungen entlohnt werden. Auf Deutsch: es wurde untersucht, ob sich eine bessere Qualifizierung und erhöhte Anforderungen im Lohn widerspiegeln. Dies hat man für Frauenberufe (Frauenanteil 70% und mehr), Männerberufe (Frauenanteil unter 30%) und gemischte Berufe (Frauenanteil zwischen 30-70%) überprüft.

Das Ergebnis: In Frauenberufen zahlt sich eine höhere Qualifizierung weniger aus als in Männerberufen.

Was heisst das? Das heisst, dass sich - im Vergleich zu Frauenberufen - eine bessere Ausbildung in Männerberufen mehr lohnt und zu einem höheren Gehalt führt. Dies nennt man den Comparable Worth Index (auf Deutsch Vergleichswertindex). Dieser Index sagt aus ob der Lohn bei steigenden Anforderungen in Frauenberufen genauso steigt wie in Männerberufen oder eben nicht. Bei Männerberufen steigt der Lohn um 6,4% für jede höhere Anforderung, bei Frauen nur um 4,7%.

Das bedeutet nicht, dass Frauen im gleichen Beruf wie Männer schlechter bezahlt werden, sondern nur dass Berufe, die primär von Frauen ausgeübt werden, potentiell systematisch schlechter bezahlt werden.

GERINgeres gehalt für klassische frauenberufe

Eine weitere Studie der Forscher Emily Murphy und Daniel Oesch, hat ergeben, dass ein Beruf, wenn er primär durch Frauen ausgeübt wird, insgesamt schlechter bezahlt wird (siehe auch: Link). Das heisst, wenn der Frauenanteil 60% und mehr in einem Beruf darstellt, ist der durchschnittliche Lohn niedriger. Interessant daran ist, dass in einem Beruf, der traditionell ein Frauenberuf ist, das Lohngefälle sowohl für Frauen als auch für Männer in diesem Beruf niedriger ist im Vergleich zu traditionellen Männerberufen. Allerdings: Ist ein Beruf eher ein Männerberuf - und mehr und mehr Frauen gehen in diesen Beruf - sinkt der durchschnittliche Lohn aller Frauen in diesem Beruf, nicht aber der Lohn der Männer.

Warum ist das so?

Hier scheiden sich die Geister:

Die eine Gruppe sagt, dass Frauen weniger in Humankapital insbesondere in jobspezifische Weiterbildungen investieren, sich mehr der Kindererziehung widmen und häufig Berufe oder Anstellungen wählen, die ihnen eine Teilzeitarbeit ermöglichen. Häufig sind diese Berufe (z.B. Pflegeberufe) generell schlechter bezahlt, unabhängig ob Frau oder Mann. Die erste Gruppe behauptet also, dass Frauen Berufe mit einer geringeren Produktivität für die Wirtschaft wählen.

Die andere Gruppe ist der Auffassung, dass Berufe, die Frauen wählen, kulturell als weniger wertvoll betrachtet werden und sich dies in einem geringeren Lohn manifestiert. Forscher glauben, dafür bestehen mehrere Gründe. Diverse Sozialstudien haben unter anderem folgende Gründe genannt:

  1. Berufsaktivitäten: Frauenberufe sind häufig solche, die nahe zu Aktivitäten im Haushalt stehen (z.B. Pflege, Erziehung) und hierdurch ein Stigma erhalten, weniger Wert zu sein.

  2. Rollenbilder: Beide Geschlechter sehen es als normal an, dass Frauen weniger verdienen als Männer, d.h. das Lohngefälle wird als weniger problematisch angesehen.

  3. Gehaltsverhandlungen: Frauen fragen seltener nach einer Gehaltserhöhung. Fun Fact: der Comparable Worth Index ist weniger stark, wenn es Tarifverträge gibt, d.h. wenn diese vorhanden sind, ist der Unterschied zwischen Gehalt und Anforderungen an den Beruf kleiner zwischen Männern und Frauen. Anders formuliert: Wenn jemand den Lohn für die Frauen verhandelt, ist der Unterschied zwischen Mann und Frau kleiner.

Die richtigen Maßnahmen

Zusammenfassend kann man sagen, dass es eine vielschichtige Diskussion ist, warum Frauenberufe schlechter bezahlt werden. Ob es nun die Berufswahl der Frauen ist, die zu einem geringeren Lohn führt oder die Tatsache, dass Berufe schlechter bezahlt werden, weil Frauen diese primär wählen, ist immer noch offen. Möglicherweise ist es eine Kombination aus beidem. Diese alten Muster aufbrechen würde mehrere Maßnahmen erfordern:

  1. Maßnahmen für eine Erhöhung der Anzahl von Frauen in typischen Männerberufen bzw. eine Verbesserung der Vereinbarung von Familie und Arbeit in den Männerberufen

  2. Maßnahmen für eine höhere Gehaltstransparenz innerhalb eines Unternehmens, aber auch mehr Forderungen seitens der weiblichen Arbeitnehmer für ein höheres Gehalt

  3. Interventionen gegen typische Rollenbilder, d.h. auch die Attraktivität von Männerberufen für Frauen steigern


Letzteres bringt einige spannende Aspekte hervor: Frauen aus Mädchenschulen wählen häufiger MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik)-Fächer an Universitäten im Vergleich zu Frauen aus gemischten Schulen. Hier eine mögliche Erklärung: MINT Fächer werden nicht als Männerdomäne angesehen, da es diese an Mädchenschulen nicht gibt. Heisst das zurück zu getrennten Schulen? Das weniger, sondern eher ein Bewusstwerden unserer Rollenbilder. Gleichzeitig scheint es auch eine Bemühung dahin zu geben, dass mehr Frauen in diese Berufe einsteigen, was zu höheren Gehältern für Frauen führen kann. In sehr männerdominierten Berufen, wie das Baugeschäft, Architektur, Fahrzeug-, Luft-, Raumfahrt- und Schiffbautechnik oder auch das Ingenieurwesen, werden Frauen sogar häufig besser bezahlt als ihre männlichen Kollegen.

Was heisst das jetzt für Dich?

Aus unserer Sicht bedarf es Zeit bis sich Männer- und Frauen-Gehälter anpassen. Das bedeutet aber nicht, dass dies von alleine passiert. Ganz im Gegenteil. Wie schon Albert Einstein gesagt hat: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.” In diesem Sinne plädieren wir an Dich, dass auch Du Teil dieser Veränderungen sein kannst.


Autorin: Clara Creitz
Gründerin von Finelles. Coach und Beraterin (PwC, UBS, Towers Watson).  

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